Berlin questions 2021 – Konferenz für ein „New Now“

Vom 11. bis 14. August fand zum vierten Mal die “Berlin questions”-Konferenz statt. Die jährliche Veranstaltung wird von visitBerlin in Kooperation mit der Stadt Berlin realisiert. Im Fokus steht der transdisziplinäre Dialog, um aktuelle Problemstellungen und Fragen zu diskutieren und strukturelle Veränderungen hinsichtlich der Stadt von Morgen anzuregen. Auf der Konferenz treffen Politiker*innen, Journalist*innen, Wissenschaftler*innen und Kreativschaffende aufeinander, um sich gemeinsam den Herausforderungen der Pandemie und dem diesjährigen Motto “Metropolis: The New Now” zu stellen. Wir haben ein Interview mit Lutz Henke geführt, dem Leiter der Stabstelle Kultur bei visitBerlin, und ihn zum Ablauf der mehrtägigen Veranstaltung, deren Ergebnissen sowie der Rolle von Kreativschaffenden in Berlin befragt.

Berlin questions 2021 – Konferenz für ein „New Now“

Während der Pandemie hat sich das Leben in den urbanen Zentren wie Berlin stark verändert. Von einem Tag auf den anderen waren all die kulturellen Angebote, die einen großen Teil der Attraktivität des Lebensraums Berlin ausmachen, nicht mehr verfügbar. Zudem fehlte es plötzlich an Möglichkeiten für Austausch, Diskurs, Vernetzung und Freundschaften sowie an Safe Spaces für marginalisierte Gruppen. Die Urbanität ist immer mit Fragen des Zusammenlebens und gerechter Flächennutzung verbunden. Die Pandemie hat diese nicht nur verdringlicht, sondern auch die Diskussion über mögliche Lösungsansätze im analogen Raum verunmöglicht. Die jährlich stattfindende “Berlin questions”-Konferenz ist ein solcher Raum; auch sie konnte 2020 nicht stattfinden.

Post-Pandemische Probleme

2021 war es glücklicherweise wieder möglich. Die mehrtägige Konferenz konnte wie geplant vom 11. bis 14. August an verschiedenen Locations in Berlin stattfinden. Die “Berlin questions” wird von visitBerlin in Kooperation mit der Stadt Berlin organisiert und versteht sich als Plattform des offenen Dialogs, der flexibel auf die aktuellen Anforderungen und Probleme der Stadt Berlin bzw. des urbanen Raums insgesamt reagieren und in die Panels bringen kann. Mit dem diesjährigen Motto “Metropolis: The New Now” waren die Pandemie und die Frage, wie wir in Zukunft mit dieser leben wollen und können, adressiert. Und da eben diese Pandemie nicht nur Gegenstand der Debatte ist, sondern auch den Raum verändert, in dem diese stattfindet, war die „Berlin questions 2021“ als Veranstaltung unter Pandemiebedingungen auch in dieser Hinsicht spannend.

Lutz Henke – © Kevin McElvaney

Lutz Henke leitet als “Director Culture” die Stabsstelle Kultur bei visitBerlin und ist hier auch für die “Berlin questions” verantwortlich. Bei ihm und seinem vielköpfigen Team liegen die inhaltliche Gestaltung, Konzeption und Umsetzung der Unternehmung, die Politiker*innen, Wissenschaftler*innen, Journalist*innen wie auch Kultur- und Kreativschaffende zu einem internationalen und transdisziplinären Dialog zusammenbringt. Neben dem Regierenden Bürgermeister Berlins und Gastgeber der Konferenz Michael Müller waren dieses Jahr auch Bürgermeister*innen aus anderen Metropolen wie Zürich, Warschau oder Freetown vertreten, um einen internationalen Austausch zwischen Metropolregionen anzuregen.

Wir haben Lutz Henke ein paar Fragen zum Ablauf der Veranstaltungen unter Pandemiebedingungen, deren Ergebnissen und der Rolle von Berlin Kreativwirtschaft gestellt.

„Kompetente Komplizen“ für Berlin

MICHAŁ ANDRZEJ OLSZEWSKI, Bürgermeister von Warschau, bei der Hauptkonferenz – © Kevin McElvaney

Können Sie uns kurz Ihre Rolle bei visitBerlin erläutern?

Bei visitBerlin leite ich als ‘director culture’ die Stabsstelle Kultur. Gemeinsam mit meinen Kolleginnen und Kollegen kümmern wir uns um ‚die Kultur‘ in ihrer denkbar breitesten Definition, also von den kreativen Soloselbstständigen bis hin zu den großen institutionellen ‘Schlachtschiffen’. Sie alle sind für die Kulturmetropolen Berlin fundamental wichtig. Wir verstehen uns gerne als ‘kompetente Komplizen’ aller Akteur*innen und versuchen, deren Belange zu verstehen, sie bei ihrer Arbeit zu unterstützen und natürlich lokal und weltweit zu vernetzen. Besonders fruchtbar ist es, wenn es uns gelingt, Gleichgesinnte zusammenzubringen und noch immer existierende Barrieren zwischen freien Projekten, Institutionen, Verwaltung, Wissenschaft und Wirtschaft zu überspringen.

Letztes Jahr fand pandemiebedingt keine “Berlin questions” statt. Wie hat sich die Pandemie auf die diesjährige Veranstaltung hinsichtlich der Organisation ausgewirkt?

Die Pandemie hat bei unserer Konferenz eine zentrale Rolle gespielt. Die ‘Berlin questions’ wollten schon immer eine Gegenwartskonferenz sein. Die Welt hat sich in den letzten Jahrzehnten selten so unmittelbar und fundamental verändert, wie in den letzten 18 Monaten. Unsere Konferenz hat das aufgegriffen und nachgefragt, was unsere globalen Metropolen heute verändern müssen, um ein gemeinsames Morgen nach der Pandemie zu gestalten.

„Wir möchten keine monothematische Veranstaltung sein.“

Hat die Pandemie inhaltlich einen Bruch für die “Berlin questions”-Reihe bedeutet oder nur die Dringlichkeit bestimmter Fragen erhöht, also möglicherweise den Fokus verschoben?

Das San Gimignano in Berlin Lichtenberg diente als eine Location der „Berlin questions“ – © Kevin McElvaney

Zum einen hat uns die Pandemie motiviert, das Format technologisch zu einer echten hybriden Konferenz auszubauen. Zum andern hat sie vor allem das ursprüngliche Konzept der Konferenz bestätigt. Wir möchten uns bewusst mit den großen Themen der Gegenwart beschäftigen und keine monothematische Veranstaltung sein, die womöglich nur in einer ‘Szene’ oder Disziplin Relevanz hat. Es ist auch eine Gesellschaftskonferenz, die Orientierung in besonderen Zeiten bieten und internationalen Austausch zwischen Vordenker*innen, Entscheider*innen und Expert*innen fördern kann. Die Pandemie hat gezeigt, dass wir enger zusammenarbeiten müssen und zwar auf supra-nationaler Ebene. Deshalb ist ein Fokus auf internationale Metropolen sinnvoll: Das sind oft die progressiven Zentren jenseits der nationalstaatlichen Zugehörigkeit. Hier gibt es trotz räumlicher Entfernung viele Gemeinsamkeiten.

Neue und kreative Wege gehen

Wie läuft die Auswertung der Veranstaltung, sind Sie zufrieden?

Wir sind sehr glücklich über das Erreichte und sogar überrascht, dass uns so ungemein viel Zuspruch aus aller Welt erreicht. Manchmal vergisst man selbst, dass diese Konferenz quasi unter Extrembedingungen veranstaltet wurde und für viele das erste Event nach 18 Monaten war. Mich freut vor allem, dass die Bandbreite so groß ist: Wir bekommen positives Feedback aus internationalen Bürgermeister*innenbüros, von Expert*innen aus der Wissenschaft, aber auch aus der Kultur oder von ‚hands-on‘-Stadtgestaltenden. Außerdem sind alle von sehr unterschiedlichen Dingen begeistert. Für manche waren die Inhalte entscheidend, andere waren von der Gestaltung oder unserer Hybridität und virtuellen Konferenzumgebung begeistert.

Die Veranstaltung steht für Transdisziplinarität. Es werden Schnittstellen zwischen Politik, Wissenschaft und der Kultur- und Kreativwirtschaft geschaffen. Welche Rolle spielen Letztere für “The New Now” in Berlin und die Berlin Questions? Wie werden Kreativschaffende in die Debatte integriert?

Aus meiner Sicht spielen die Kreativen eine ganz entscheidende Rolle. Allerdings ist die Zusammenfassung als ‘Kultur- und Kreativwirtschaft’ ja eher ein Hilfsbegriff für eine sehr kleinteilige und vielfältige Industrie, um den wirtschaftlichen Mehrwert besser fassen zu können. Das wird der Aufgabe und der Leistung durch ‘softpower’ nicht wirklich gerecht und müsste viel differenzierter betrachtet werden. Klar ist aber, dass diese Mischung und ein transdisziplinäres Arbeiten Berlin ausmachen und einen unglaublichen Mehrwert haben. Sie tragen nicht nur zur Individualität und Faszination der Stadt bei, sondern helfen, neue Wege zu gehen, Vorreiter zu sein und eben kreative Lösungen zu finden.

Wissenschaft und Kunst folgen in ihrer Arbeitsweise auf Versuchsfeldern ja ähnlichen Prozessen, die wiederum in Politik oder Wirtschaft nur eingeschränkt praktikabel sind. Ein kreatives Forschen und Möglichkeitssinn fehlen oft in Institutionen und Verwaltungen, die pragmatische Entscheidungen treffen und die Kreativen wieder auf den Boden der Machbarkeit bringen müssen. Dieser Aushandlungsprozess scheint uns fundamental für die Gestaltung eines ‘New Now’.

Welt-Kulturmetropole Berlin

Lutz Henke und Burkhard Kieker von visitBerlin bei der Hauptkonferenz – © Kevin McElvaney

Neben dem Diskurs um die Zukunft der Stadt geht es bei “Berlin questions” auch um die Repräsentation der Stadt. Wie wichtig sind solche Veranstaltung für den Berliner Tourismus?

‘Berlin questions’ macht einen Ausschnitt dessen sichtbar, wofür die Stadt als Kultur- und Kongresstandort steht: Kreativität, Forschung, freien Meinungsaustausch, aber auch tolle Orte und natürlich Unterhaltung. Wir können hier Berlin und seinen Akteur*innen eine Bühne bieten und diese Botschaft kommunizieren, direkt an die Besucher*innen und Expert*innen vor Ort, aber auch indirekt über digitale Kanäle. Es bleibt aber immer ein kleiner Ausschnitt der Fülle an Angeboten, die in all ihrer Individualität entscheidend sind. Deshalb ist dieser Querschnitt so spannend, wenn sich für einen kurzen Moment Kongresswesen, Kunst, Politik usw. mischen.

„Die Freiräume und die Kreativität der Stadt wurden zum entscheidenden Kapital.“

Wie schätzen Sie die Bedeutung der Kultur- und Kreativwirtschaft für den Standort Berlin ein?

Kultur dürfte der Bereich sein, in dem Berlin unumstritten als Weltmetropole gelten kann. Sie hat die Stadt nach dem Mauerfall geprägt und zu dem gemacht, was sie heute ist – eine Stadt der Kreativen und Künstler*innen. Die Freiräume und Kreativität der Stadt wurden zum entscheidenden Kapital, als die Finanzwirtschaft und Industrie ausblieben. Das ist eine Qualität, deren Bedeutung man auch in Zukunft kaum überschätzen kann. Sie gehört aber nicht nur zur Wirtschaft, sondern vor allem auch zur Identität der Stadt.


Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.