Nachhaltige Kulturpraxen – Was Politik und Betriebe unternehmen

Der Kulturbetrieb hinterlässt einen großen ökologischen Fußabdruck. In der Kritik stehen nicht nur Festivals und Clubs, sondern auch Museen, Galerien und Konzerthäuser. Die Staatsministerin für Kultur und Medien sieht hier Handlungsbedarf und versucht durch gezielte Angebote den Kultur- und Kreativsektor zum Umdenken zu motivieren. Aber auch die Kultureinrichtungen und -betriebe selbst sehen sich hier vermehrt in der Verantwortung und schließen sich zu Initiativen zusammen, um Expertise auszutauschen und Kompetenzen zu bündeln. Im Text stellen wir politische Programme wie das Umweltmanagementsystem EMAS der EU vor und geben einen Überblick bestehender Netzwerke und Initiativen aus den Kulturbetrieben, wie der „Gallery Climate Coalition“ oder dem „Code of Conduct“ der Clubkultur.

Nachhaltige Kulturpraxen – Was Politik und Betriebe unternehmen

Die Realität des menschengemachten Klimawandels rückt immer mehr ins kollektive Bewusstsein der Gesellschaft. So wurde auch Klimapolitik zu einem der zentralen Themen im vergangenen Bundestagswahlkampf. Längst sind es nicht mehr nur Die Grünen, die Klimaziele ganz oben auf ihrer Agenda platzieren, sondern auch alle anderen der etablierten Parteien im Bundestag, natürlich mit jeweils anderer Ausrichtung und unterschiedlichen Lösungsansätzen. Parallel zu dieser Entwicklung nimmt das Thema Nachhaltigkeit auch im Kulturbetrieb einen immer prominenter werdenden Platz ein. Denn um den ökologischen Fußabdruck der Kultur- und Kreativbranche ist es nicht sonderlich gut bestellt.

Nachhaltigkeitsziele für Kulturbetriebe

Die Corona-Krise hat uns unmissverständlich klar gemacht, wie wichtig Kultur und Kreativität für die Gesellschaft und ihren Zusammenhalt ist. In diesem Zuge erfährt auch der Wirtschaftszweig größere Beachtung und bekommt mehr Zuwendungen. Damit gehen aber auch Forderungen für den Kulturbetrieb hinsichtlich der Nachhaltigkeitsziele einher. Die Beauftragte des Bundes für Kultur und Medien (BKM), Monika Grütters, setzt sich für einen klimaneutralen Kulturbetrieb noch vor 2045 ein. Im Fokus stehen die Aufführungs-, Ausstellungs- und Veranstaltungspraxen sowie die Kulturvermarktung, wo es grundlegender Änderungen bedarf. Seit 2020 gibt es in diesem Zusammenhang das “Aktionsnetzwerk Nachhaltigkeit in Kultur und Medien”, das betriebsökologische Beratung anbietet.

Von Seiten der Europäischen Union gibt es das Umweltmanagementsystem EMAS (Eco-Management and Audit Scheme), womit die Umweltbilanz in Betrieben und Organisationen verbessert werden soll. Alle Unternehmen und öffentliche Einrichtungen innerhalb der EU können sich über das EMAS-Programm zertifizieren lassen und so die eigenen Emissionen und Ressourcenverbräuche in den Blick nehmen. Meist lassen sich hier auch Kosten einsparen. Die Kulturstiftung des Bundes sowie die Kulturveranstaltungen des Bundes in Berlin gehen mit gutem Beispiel voran und haben einen solchen Zertifizierungsprozess bereits durchlaufen. Die Zahl der zertifizierten Betriebe im Kulturbereich ist zur Zeit aber noch sehr gering.

Sich selbst in die Pflicht nehmen

Auch abseits der politischen Bühne gibt es zunehmend mehr Initiativen, die sich für einen nachhaltigeren Kulturbetrieb einsetzen. Es sind Zusammenschlüsse von Betrieben und Einrichtungen aus jeweils einem Arbeitsbereich, die ihre Expertise bündeln und in konkrete Handlungsempfehlungen und Selbstverpflichtungen überführen.

In London gibt es die Gallery Climate Coalition (GCC), die inzwischen auch einen Berliner Ableger hat. Ziel ist es, die CO2-Emissionen bis 2030 um 50 Prozent zu senken. Die mittlerweile knapp 50 Galerien in Berlin versuchen weniger belastende Transportwege zu nutzen, benutzen CO”-Rechner und arbeiten an einem Zero-Waste-Konzept. Die Ergebnisse können die Teilnehmenden auf der GCC-Seite veröffentlichen, müssen dies jedoch nicht.

Auf die eigene Verantwortung der Akteur*innen im Kulturbetrieb weist auch das kürzlich erschienene Positionspapier “Nachhaltigkeit im Orchester- und Konzertbetrieb” der Deutschen Orchestervereinigung hin. In dem Papier geht es nicht nur um bessere Öko-Bilanzen der Aufführungs- und Konzertbetriebe, sondern auch um die Verantwortung der großen Zahl an freischaffenden Berufsmusiker*innen, die in diesem Feld arbeiten. Die spezifischen Belange von Kunst und Kultur müssten mit Klimaschutz und Nachhaltigkeit vereinbart werden.

Ökologischer Tanzabdruck

Negativbeispiel auf einem Festivalgelände – © Ariungoo Batzorig

Auch der Clubszene ist die Größe des eigenen Fußabdrucks nicht neu. Ein Festival-Besuch beispielsweise setzt pro Kopf 40 Kilogramm CO2-Emissionen frei. Während des Stillstands im Lockdown hat sich hier das Kooperationsprojekt Clubtopia Gedanken gemacht und den “Code of Conduct für eine nachhaltige Clubkultur” weiter verfeinert. Gemeinsam mit Umwelt- und Interessenverbänden sowie Politik und Wissenschaft wurden unter dem Motto „Zukunft feiern“ Zielvereinbarungen hinsichtlich des Umweltschutzes getroffen, die im Rahmen einer freiwilligen Selbstverpflichtung von den teilnehmenden Clubs umgesetzt werden sollen. Eine Liste der Teilnehmenden gibt es bisher noch nicht.

Musik ist generell kein sehr nachhaltiges Hobby. Nicht nur Konzert-, Club- und Festival-Besuche sind wahre Klimakiller, auch die Tonträger-Produktion und -Distribution sowie Musik-Streaming kommen das Klima teuer zu stehen. Der Verband unabhängiger Musikunternehmer*innen (VUT) hat 2019 die “Music Declares Emergency”-Erklärung mitgezeichnet. Die Gemeinschaft besteht aus Künstler*innen, Organisationen und anderen Akteur*innen der Musikbranche und sie fordert ein unverzügliches Handeln bezüglich des Klimanotstandes auf staatlicher und europäischer Ebene. Damit sind aber auch Handlungsempfehlungen für ein nachhaltigeres Wirtschaften innerhalb der Musikbranche verbunden.

Green Vinyl for Future

Wie schon gesagt, neben Flugmeilen von Künstler*innen und dem CO2-Ausstoß bei Veranstaltungen ist die Tonträger-Produktion ein großer Faktor. Denn während die CD immer weniger Umsatz macht, steigt simultan der Verkauf von Vinyl, wovon viele Künstler*innen und Labels profitieren, das Klima jedoch nicht. Die Produktion der Schallplatte hat sich seit einem Jahrhundert nicht verändert, sie benötigt fossile Brennstoffe und das verwendete PVC kann bis zu 1.000 Jahre überdauern. Glücklicherweise gibt es auch hier Bewegung. Das niederländische Unternehmen Green Vinyl Records geht neue Wege und verwendet eine Spritz- statt Presstechnik. So kann ein besser recyclebarer Kunststoff eingesetzt werden, was laut des Unternehmens auch noch einen besseren Klang habe und länger haltbar sei.

In der Kulturpolitik, den Kulturbetrieben und auch in angrenzenden Wirtschaftszweigen ist die Sensibilisierung für den ökologischen Fußabdruck in vollem Gange. Immer mehr setzen sich für nachhaltigere Kulturpraxen und umweltbewussteres Wirtschaften ein. An kreativen Lösungsansätzen mangelt es der Branche nicht. Nun gilt es, diese vermehrt auch in die Tat umzusetzen. Die Beispiele zeigen aber, dass sich die Kultur- und Kreativwirtschaft auf den Weg gemacht hat.


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